Lampendocht
In den 1970er-Jahren war für Familien auf dem Land das kostbarste Licht der Nacht eine Petroleumlampe. Unsere Lampe, die mit Dieselkraftstoff betrieben wurde und damals „Öllampe“ genannt wurde, erhellte meine Kindheit – und meine Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Viele Jahre später wurde mir klar, dass dieses Licht nie wirklich erloschen war.
Die Lampe hatte mein Vater gebaut, damals Dorfschullehrer. Ihr Körper war ein leeres Tintenfass, einst mit Wissen gefüllt, und wirkte deshalb wertvoller als eine einfache Medikamentenflasche. Der Lampenschirm bestand aus einem runden Stück Blech mit einem Loch in der Mitte. Daraus wurde ein dünnes Rohr geformt, durch das ein gedrehter Baumwolldocht geführt wurde. So entstand unsere Lampe.
Obwohl sie den Beinamen „ausländisch“ trug, war unser Leben alles andere als luxuriös. Petroleum war knapp und nur über Bezugsscheine erhältlich – für gewöhnliche Familien kaum erschwinglich. Diesel hingegen war billig und überall verfügbar, doch er erzeugte dichten Rauch, roch stechend, und seine bläuliche Flamme war schwach. Sie schwärzte die Lehmwände und färbte Gesichter, Augenbrauen, Nasenlöcher und Fingerspitzen. Der Docht setzte sich schnell mit Rußklumpen zu und musste ständig mit einer Nadel freigestochert werden, damit die Flamme nicht erlosch.
Die Lampen meines Vaters leuchteten in vielen Fenstern. Leere Tintenfässer gab es in der Schule genug, und er fertigte daraus Lampen, die er an Schüler und Nachbarn verschenkte.
„Zünde die Lampe erst an, wenn es ganz dunkel ist“, sagte man oft. „Nicht einmal genug Geld für Licht oder Salz“ – so beschrieb man die Armut vieler Familien jener Zeit.
Meine Familie hatte dennoch Glück. Mein Vater verdiente ein festes Einkommen von zwei Yuan im Monat, dazu kamen Arbeitspunkte vom Produktionsteam – genug, um uns zu ernähren. Unter dem Wohnzimmerfenster stand ein Hühnerstall aus Ziegelbruch, in dem fünf oder sechs Hennen lebten. Ihr gelegentliches Krähen im Morgengrauen gehörte zu unserem Alltag. Dieser Stall war unsere kleine „Bausparkasse“: Eier waren unser einziges Zahlungsmittel, mit dem wir Lampenöl, Salz sowie Hefte und Stifte kauften.
Das flackernde Licht der Lampe war unser Zufluchtsort. Nach dem Abendessen wurde sie vom Herd auf den quadratischen Tisch im Wohnzimmer gestellt. Meine Mutter nähte und flickte Schuhsohlen in ihrem Schein. Meine Geschwister und ich saßen um den Tisch und machten unsere Hausaufgaben.
Mein Vater saß meist hinter uns und las im selben Licht Schulzeitungen. Sobald wir fertig waren, kontrollierte er unsere Arbeiten sorgfältig. War er zufrieden, nickte er leise; war die Schrift unleserlich, setzte er ein „X“ darüber und ließ uns alles neu schreiben. Wenn er guter Laune war, zog er plötzlich mehrere Schulcomics unter seinem Kopfkissen hervor – Bücher wie Der kleine Soldat Zhang Ga oder Eisenbahn-Guerillas. Diese Momente bedeuteten ihm mehr als jede Belohnung. Oft las er uns vor und erzählte Geschichten: „Wie der Himmel durch Bewegung seine Kraft erhält, so sollte der Mensch unermüdlich an sich arbeiten“ oder „Jedes Reiskorn erinnert uns daran, wie mühsam es entstanden ist.“
Meine Mutter war die Hüterin dieses Lichts. Ihr Blick ruhte fast ununterbrochen auf dem Docht. Wurde die Flamme schwächer, stocherte sie vorsichtig mit einer Nadel nach; wurde der Rauch zu dicht, regulierte sie ihn behutsam. Nachdem wir eingeschlafen waren, drehte sie den Docht ganz klein, sodass nur noch ein glühwürmchenartiger Schein blieb, der ihre müde, doch konzentrierte Gestalt erhellte. In diesem schwachen Licht arbeitete sie weiter.
Diese Lampe, aus einem Tintenfass und etwas Blech gefertigt, spendete nur wenig Licht – doch in diesem Licht entstanden Schriftzeichen, wurden Aufgaben gelöst und Wege sichtbar.
Jahre später wechselte mein Vater an eine staatliche Schule. Mein Bruder wurde Mittelschullehrer, ich trat in das Schulamt des Landkreises ein, und meine beiden Schwestern – die eine im Justizwesen, die andere als Dozentin an einer Universität – verließen das vom Lampenruß geschwärzte Lehmhaus und betraten eine hellere Welt.
War mein Vater nicht selbst diese Lampe? Mit seinem Wissen, seinem Charakter und seinem bescheidenen Einkommen als „Öl“ und seinen Worten und Taten als „Docht“ erhellte er unseren Weg – klein, aber verlässlich.
Die Lampe ist längst verschwunden. Doch ihre Flamme hat mich nie verlassen. Sie lehrt mich bis heute, selbst ein kleines Licht zu entzünden – für mich und für andere.